Zürichs älteste Bäume haben überlebt, und zwar meist aus Gründen, die mit Naturschutz wenig zu tun haben. Am Platzspitz datiert ein farbiges Markierungssystem der Stadt jede Platane auf ihr Pflanzjahr, Braun steht für 1780. Ein Eisenbahnpionier setzte 1858 einen Mammutbaum zur Geburt seiner Tochter. Eine Privatbank verhandelte jahrelang mit einer Tramlinie, um einen zweiten Mammutbaum zu retten. Und auf dem Lindenhof wird seit über 550 Jahren nachgepflanzt, weshalb die Linden dort jünger sind, als der Ort vermuten lässt. Zwei weitere Bäume sind Tagesausflüge: eine alte Eiche bei Marthalen und die elf Meter starke Linde von Linn.
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Ahornblättrige Platane (Platanus x acerifolia) · ~250 Jahre · Altstadt
Am Platzspitz lässt sich das Alter einer Platane an einem farbigen Marker ablesen. Braun steht für 1780, Blau für 1806, Grün für 1836, Rot für 1960 und Violett für 2005. Der Park ist Zürichs zweitälteste öffentliche Anlage und liegt auf dem Landkeil, an dem Sihl und Limmat zusammenfliessen; die Gartendenkmalpflege der Stadt hat seine Platanen so Generation für Generation aufgeschlüsselt. Zur braunen Gruppe von 1780 gehört mindestens ein Exemplar, das die Stadt in ihren eigenen Unterlagen als unbezahlbar bezeichnet, ohne je einen Frankenbetrag zu nennen. Dieser Baum stand bereits, als Zürich noch eine ummauerte Stadtrepublik war, und der Park ist in den zwei Jahrhunderten danach mehrfach um ihn herum umgebaut und neu bepflanzt worden. Als öffentlich genutzte Anlage ist der Platzspitz seit rund 450 Jahren dokumentiert, von den frühesten Anlagen ist oberirdisch aber kaum etwas übrig. Die Platanen von 1780 gehören damit selbst schon zu diesem langen Umbau und sind kein Rest der Urfassung. Welche Platanenart hier genau wächst, hält keine der Quellen fest; die Ahornblättrige Platane ist die naheliegende Annahme für eine mitteleuropäische Parkpflanzung dieser Zeit, mehr nicht. Wer die Farben kennt, braucht hier keinen Führer: Ein Blick auf den Marker am Stammfuss datiert den Baum, und aus dem Park wird ein begehbarer Zeitstrahl des Zürcher Stadtgärtnerns seit dem späten 18. Jahrhundert.
Riesenmammutbaum (Sequoiadendron giganteum) · ~170 Jahre · Enge
Alfred Escher baute das schweizerische Eisenbahnnetz, gründete jene Bank, aus der die Credit Suisse wurde, und die Hochschule, die heute ETH Zürich heisst. Für viel anderes blieb ihm nach allem, was überliefert ist, kaum Zeit. 1858 machte er offenbar eine Ausnahme und pflanzte diesen Riesenmammutbaum im Belvoirpark, dem Landsitz seiner Familie am See, zur Geburt seiner einzigen Tochter Lydia. Der Baum ist inzwischen der älteste gesicherte Riesenmammutbaum Zürichs, deutlich über 160 Jahre alt. Die Art stammt aus Kalifornien, verträgt mitteleuropäischen Frost weit besser als der verwandte Küstenmammutbaum und wird in ihrer Heimat über 3000 Jahre alt, was selbst dieses Exemplar aus Eschers Zeit nach den Massstäben seiner eigenen Art zu einem Jungbaum macht. Der Belvoirpark begann als Rebhang von Eschers Grossvater, 1826 gekauft und rund um eine neue Villa mit damals exotischen nordamerikanischen Arten bepflanzt. Seit 1901 gehört das Gelände der Stadt Zürich. Aus dem Privatgarten einer der mächtigsten Familien des Landes ist damit ein öffentlicher Park geworden, in den jeder hineinspazieren und unter einem Baum stehen kann, den ein vielbeschäftigter Mann für die Geburt seines Kindes in die Erde gesetzt hat.
Winterlinde (Tilia cordata) · 55-165 Jahre · Altstadt
Zürichs Geschichte beginnt, so heisst es meist, auf diesem Hügel: römischer Zollposten, später karolingische Kaiserpfalz. Linden werden hier seit mindestens 1474 gepflanzt, als eine Chronik 52 Bäume auf einmal verzeichnet. Keiner davon steht noch. Ein schwerer Sturm zerstörte 1861 einen grossen Teil des historischen Bestands, und als man die Linden danach durch andere Arten ersetzen wollte, wehrten sich die Zürcherinnen und Zürcher so entschieden dagegen, dass die Ersatzbäume innert 15 Jahren wieder ausgegraben und durch Linden ersetzt wurden. Das meiste, was heute auf dem Lindenhof wächst, stammt aus dieser Nachpflanzung der 1860er und 1870er Jahre. Die ältesten Einzelbäume sind damit gut 150 Jahre alt und nicht die 500 und mehr, die der Name des Platzes und sein Ruf nahelegen. Ein Baum fällt in die andere Richtung aus der Reihe: 1971, im Jahr, in dem die Schweizerinnen auf Bundesebene endlich das Stimmrecht erhielten, wurde hier eigens dafür eine neue Linde gesetzt. Welche Lindenart in welcher Epoche in die Erde kam, hält keine Quelle fest; die Winterlinde ist die übliche Wahl für solche Plätze. Das eigentliche Alter des Lindenhofs ist das Alter der Nachpflanztradition und nicht das eines einzelnen Stammes, der heute dort steht.
Riesenmammutbaum (Sequoiadendron giganteum) · ~120 Jahre · Altstetten
Dieser Riesenmammutbaum stand Jahrzehnte vor dem siebengeschossigen Bankgebäude da, das heute über ihm aufragt, und hätte diesen Vorsprung trotzdem fast verloren. Um 2012 sah die Planung der Limmattalbahn, einer neuen Tramlinie durch Zürich Altstetten, vor, den rund 120 Jahre alten Baum für die verbreiterte Strasse zu fällen. Julius Bär, deren Altstetter Büros um den Mammutbaum herum gebaut worden waren und nicht umgekehrt, verhandelte jahrelang mit den Betreibern der Bahn, statt den Verlust hinzunehmen. Am Ende wurde die Linienführung angepasst und der Baum blieb stehen. Er misst heute knapp 15 Meter. Für die Hohlstrasse liegt inzwischen ein vollständiger Masterplan zur Umgestaltung vor, den der Zürcher Stadtrat 2026 beschlossen hat und der den Mammutbaum ausdrücklich als zu erhaltendes Element nennt. Dass eine Bank einen Baum vor einer Tramlinie rettet, ist nicht die Geschichte, die man für einen der ältesten Mammutbäume Zürichs erwarten würde, und geschützt hat ihn weder ein Naturschutzgebiet noch ein Inventareintrag. Es lag daran, dass die Eigentümer des Nachbargrundstücks den Baum die Jahre der Verhandlung wert fanden, was eine eigene Art von Beständigkeit ist. Vom Trottoir aus ist er gut zu sehen, das Areal selbst gehört der Bank.
Ein Tagesausflug
Abistwald, 29 km nördlich

Eiche (Quercus sp.) · 360-450 Jahre · Abistwald, Marthalen
Der Weg zu einer der ältesten Eichen der Schweiz führt über einen Fussballplatz, und das Dorfmuseum, das den Baum dokumentiert, rät scherzhaft, gleich einen Ball mitzunehmen.
Das Ortsmuseum Marthalen gibt die Eiche mit über 360 Jahren an, bei einem Stammdurchmesser von 1,80 Metern, also rund 5,6 Metern Umfang, im Abistwald nördlich des Dorfes. Dieses Museum ist die einzige echte Quelle. Regionale Tourismusseiten wiederholen dieselben Zahlen, was keine zweite Meinung ist, also gilt das Alter als Schätzung des Museums und nicht als gesicherte Zahl.
Der Wald ringsum liefert die Bestätigung. Das Forstinventar der Gemeinde verzeichnet hier eine ungewöhnliche Häufung sehr starker Stämme, über 112 Zentimeter Brusthöhendurchmesser und überwiegend Eichen, eine Kategorie mit nur wenigen Dutzend Einträgen im ganzen Kanton. Das ist kein einzelner Überlebender in einer Plantage, sondern der grösste Baum in einem Wald, der seit langem grosse Bäume hervorbringt. Im Gemeindewappen steht eine Eiche.
Welche Eichenart es genau ist, bleibt offen. Quercus robur und Quercus petraea wachsen beide hier, und keine gefundene Quelle legt sich fest. Wer die beiden an Fruchtstiel und Blattgrund unterscheiden kann, klärt das vor Ort für uns.
Marthalen liegt 25 bis 30 Minuten mit dem Direktzug von Zürich entfernt.
Foto: Kurt Spalinger-Røes (CC BY 3.0)
Linn, 32 km westlich
Sommerlinde (Tilia platyphyllos) · 600-900 Jahre · Linn, Boezberg
Eine örtliche Sage sagt: Wenn der Schatten dieser Linde das Schloss Habsburg nicht mehr erreicht, geht die Welt unter. Der Baum misst elf Meter im Umfang, ist 25 Meter hoch und rund 800 Jahre alt, gilt nach der Lesart des Kantons als mächtigster Baum des Aargaus und wäre ein junger Baum gewesen, als Rudolf von Habsburg, Begründer der Dynastie, zur Welt kam.
Eine zweite Sage ist beliebter und weniger haltbar: Überlebende der Pest hätten die Linde im 16. oder 17. Jahrhundert gepflanzt. Das Alter des Baumes widerlegt das um mehrere Jahrhunderte. Beide Geschichten lohnen sich, nur eine kann stimmen, und entschieden wird die Sache vom Baum selbst.
Elf Meter Umfang sind selbst für eine Sommerlinde enorm, eine Art, die im Alter verwächst, aufreisst und sich neu bewurzelt, bis daraus ein gefurchter, mehrstämmiger Koloss wird. Wer davorsteht, sieht weniger einen Stamm als eine kleine Ruine mit Laub obendrauf.
Die Linde steht am Dorfeingang von Linn, direkt an der Bushaltestelle. Ab Zürich ist das eine richtige Reise und kein Spaziergang: Zug bis Brugg, danach eine lokale Verbindung, 45 bis 60 Minuten pro Weg.